Mittelalter-Handwerk

Leben und Handwerk im Mittelalter

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Die Tuchmacherei des Mittelalters in Meseritz (K. Hielscher)

Denken wir an die Tuchmacherei unserer Heimatstadt, so schwebt uns die Zeit Johann Volmers vor Augen mit der damaligen Blüte des Gewerbes und der Ausfuhr der Tuche nach vielen Teilen Russlands und noch weiter bis nach China.
Aber die Meseritzer Tuchmacherei ist viel älter. Sie wurde seit dem Bestehen der Stadt betrieben und bildete während der alten polnischen Zeit die wirtschaftliche Grundlage der Stadt. Doch sind diese fernen Zeiten den meisten Menschen wenig gegenwärtig.

Altes Schiffchen welches zum Weben benutzt wurde

Altes Schiffchen welches zum Weben benutzt wurde

Wie viel die alte Tuchmacherei bedeutete und wie hoch sie bereits im Mittelalter entwickelt war, haben polnische Ausgrabungen ergeben, über die 1964 Alina Kurnatowska berichtete.

In den Jahren 1954/58 und 1960 konnten auf dem Hofe der Burg 63 Überreste von Wollgeweben, zwei Stücke von Leinwandgeweben, gegen 80 Bruchstücke von Filz und 19 von wollenen Fäden und Schnüren gefunden werden.Wie die Begleitfunde und andere Umstände ergaben, stammten sie aus der Zeit von 1269 bis ungefähr 1370. Die Funde wurden unter einem Mikroskop untersucht und gründlich geprüft.

Dabei zeigte sich, dass die Wolle geschoren und sortiert und großenteils auch gekämmt worden war. Die Fäden für die Kette und den Einschuss unterschieden sich. Und zwar war für die Kette eine feine, dichte gekräuselte und gekämmte Wolle benutzt worden, für den Einschuss dagegen etwas gröbere Fäden. Weiter waren die Schnüre für die Kette nach rechts gedreht, wogegen jene des Einschusses nach links.

Dieses unterschiedliche Verspinnen gibt einige Rätsel auf. Wahrscheinlich wurden die links gedrehten Fäden mit einem Spinnrad gesponnen, das mit der linken Hand betrieben wurde. Die üblichen Spinnräder, besonders die mit Fußantrieb, geben den Fäden den Rechtsdrall.

Die Wollfäden waren vielfach noch gewaschen, gebleicht, geschoren und mit einem feinen Mehlkleister geschlichtet worden. Jedenfalls waren die Spinner schon erfahrene Leute, die ihre Arbeit gut beherrschten.Übrigens wurde in der Burg selber kaum gesponnen, denn man fand dort nur eine Spindel und 20 Webgewichte.

Gewebt wurde wahrscheinlich auf waagerechten Webstühlen, die wohl schon die doppelte Breite hatten, und mit drei bis vier Schnüren. Rund 74 Prozent der Tuche waren mit drei Schnüren gearbeitet und etwa 19 Prozent mit vier Schnüren. Drei Schnüre waren besonders für Stoffe mit bunten Streifen oder bei Kette und Einschlag in verschiedenen Farben verwendet. Das Buch bringt schöne Abbildungen solcher Tuche. Die Farben hatten sich wunderbar erhalten. Die Ränder wurden durch doppelte Schnüre in der Kette verstärkt. Weiter bezeugten die Stoffreste, dass die Tücher im Laufe der Zeit besser wurden. Sie wurden feiner und dichter.

Die schriftlichen Quellen beweisen, dass Meseritz damals ein wichtiger Mittelpunkt der Tuchmacherei war – was es bis in die Zeit vor gut 150 Jahren geblieben ist. Die Funde sprechen dafür, dass die Tuchmacher städtische Fachhandwerker waren, und zwar sowohl die Spinner als auch die Weber. Der Hochstand des Handwerks weicht grundsätzlich kaum von jenem derselben Zeit in Flandern ab. Freilich waren die berühmten flandrischen Tuche noch feiner. Aber die Meseritzer mussten billig sein und konnten daher die rohe Wolle nicht ganz so sorgfältig behandeln. Die Tuchmacher waren körperschaftlich zusammengeschlossen, bildeten also eine Innung oder Zunft.

Dann vergleicht die Verfasserin die Meseritzer Funde mit denen aus Oppeln und Danzig, die zahlreicher, aber keineswegs besser waren.

Anschließend geht sie auf die schriftliche Überlieferungen ein. 1508 gab es in Meseritz eine Mühle mit zwei Rädern zum Walken der Tuche und 1564/1569 gar zwei Walkmühlen. Damals brachten die Tuchmacher täglich 100, ja mitunter bis zu 150 Ballen Tuche durch die Zollkammer.

Im 18. Jahrhundert sollen auf einem Webstuhl im Jahre rund 35 Ballen Tuch hergestellt worden sein. 1583 gab es in der Stadt 53 Tuchmacher, 2 Leineweber, 1 Färber und 10 Schneider.

Die Arbeit der Frau Kurnatowska ist gründlich, was man durchaus anerkennen muss. Nur über eine Sache schweigt sie sich aus, nämlich über das Volkstum der Tuchmacher. An einer Stelle schreibt sie verschämt von „westeuropäischem Handwerkstum“. Nun, auf weit über hundert Meilen im Westen Polens lebten die Deutsche! Eine unumstößliche Tatsache ist es, dass die Tuchmacherei von Beginn des Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein ein rein deutsches Handwerk war. Man denke nur an die deutschen Tuchmacherstädte in Mittelpolen.

Es soll hier ein kleiner Gegenbeweis angetreten werden. Die folgenden im Besitze des Bischofs von Posen befindlichen Städte waren überwiegend von Polen bewohnt. Dort gab es:

  • 1709 in Betsche mit 581 Einw., dabei 56 Handwerkern,
  • 1794 in Buk mit 847 Einw., dabei 116 Handwerkern
  • 1709 in Dolzig mit 784 Einw., dabei 120 Handwerkern
  • 1709 in Kröben mit 996 Einw., dabei 134 Handwerkern
  • jeweils nicht einen einzigen Tuchmacher.

So ist der Nachweis der hochstehenden mittelalterlichen Tuchmacherei in Meseritz u.a. ein Beweis dafür, dass es schon früh eine überwiegend von Deutschen bewohnte Stadt war.